»…der nach der Tat noch mehr als nach der Erkenntnis verlangt.«. Martin Buber – ein Anarchist?

Autor/innen

  • Siegbert Wolf

DOI:

https://doi.org/10.25786/cjbk.v0i01-02.560

Abstract

»Gottes Schrift eingegraben auf den Tafeln« –
lies nicht charuth: eingegraben,
sondern cheruth: Freiheit.
Sprüche der Väter VI,2
I
Martin Buber (1878 –1965) zählt zu den bedeutendsten
Denkern des 20. Jahrhunderts.3 Zugleich
gilt er als ein eminent politischer, weltzugewandter
Gelehrter, der »zu keiner Zeit in den
philosophischen, theologischen und politischen Erörterungen
abwesend war[...]«.4 TiefeSympathien
hegte er für einen kommunitären Anarchismus.
Dieser bis heute missverstandene Terminus
bedarf der Erläuterung: So definierte der Philosoph
der Aufklärung, Immanuel Kant (1724 –1804),
Anarchie in seinem Spätwerk Anthropologie in
pragmatischer Hinsicht als »Gesetz und Freiheit
ohne Gewalt«.5 Für Bubers langjährigen engen
Freund, den Kulturphilosophen, Schriftsteller und
Initiator zahlreicher libertärer Projekte Gustav
Landauer (1870 –1919), bedeutete Anarchie Herrschafts-
und Staatslosigkeit, (gewalt-)freies Ausleben
der einzelnen Individuen und solidarischer
Zusammenhalt aller Menschen: »Ordnung durch
Bünde der Freiwilligkeit.«6 Das Ziel, die Anarchie,
lasse sich nur erreichen, »wenn das Mittel schon
in der Farbe dieses Ziels gefärbt ist. Nie kommt
man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Die Anarchie
ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten,
solche Menschen, die keine Gewalt mehr
[aus]üben.«7
Beizupflichten ist dem Biographen Maurice S.
Friedman (1921–2012), der Buber als einen Sozialanarchisten
im biblischen Sinne gewürdigt hat.8
Hierbei bezog er sich auf den Erforscher der jüdischen
Mystik, Gershom Scholem (1897–1982),
von dem die Charakterisierung Bubers als einem
»religiösen Anarchisten« herrührt.9
Martin Buber selbst hat sich noch im hohen
Alter als einen »Unangepassten, wie ich es von
Ju gend auf gewesen und […] geblieben bin«10, beschrieben
und sein nonkonformistisches Religionsverständnis
als »religiöse Anarchie«.11 Maßgebliche
Impulse zur Gleichheit und Freiheit aller
Menschen empfing er nicht zuletzt aus der Ethik
des mosaischen Judentums (Nächstenliebe-, Gerechtigkeits-
und Brüderlichkeitsgebot) und dem
messianischen Denken. Als das Besondere im Judentum
erkannte er das Gemeinschaftliche, das
kollektive Gedächtnis seiner Geschichte sowie
das Streben nach Verwirklichung: »In der Verwirklichung
sind Erkenntnis und Ethos verschmolzen:
der Mensch kann die Welt nur erkennen, in dem
er sie tut.«

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Veröffentlicht

2021-01-22