»Die deutsche Erinnerungskultur erlebt gerade einen Umbruch«, schreibt die Kulturwissenschaftlerin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann im Jahr 2020. Neben dem bereits häufig thematisierten Forschungsfeld des Übergangs von der Zeitzeugen-Generation zur Adressaten-Generation zeigt sich Erinnerungskultur als ein mehrdimensionales Phänomen. Bedingt durch kulturelle und gesellschaftliche Transformationsprozesse ist die Erinnerungskultur im stetigen Wandel und muss als dynamisch aufgefasst werden. Dies umfasst auch, dass eine Pluralisierung der Ausgestaltungsmöglichkeiten von Erinnerungskultur stattfindet, insbesondere die digitalen Medien bieten dazu neue und viel-versprechende Möglichkeiten. So können neben dem gemeinsamen Erinnern an Gedenktagen, Orten und Anlässen, welche vor allem von Präsenz und persönlicher Begegnung leben, nicht-präsenzbasierte und individuelle Formen von Erinnerungskultur gefördert werden. Die Nutzung digitaler Medien soll keine Revision oder Ablösung klassischer Erinnerungsforrmen bedeuten, stattdessen sollen diese an gezielen und sinnvollen Punkten ergänzt und bereichert werden.

Die persönliche Begegnung, die Erfahrung von Gemeinschaft ist für Erinnerungskultur von zentraler Bedeutung und letztlich nicht zu ersetzen. In Anbetracht der aktuellen Situation der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie schmerzlich diese Erfahrungen vermisst werden, wenn sie aufgrund von Hygieneschutzmaßnahmen nicht oder nur eingeschränkt stattfinden können. Das Bedürfnis nach Erinnerung, Begegnung und Austausch, insbesondere an Gedenktagen, ist trotz Pandemie nicht geschmälert und es gilt, diesem gerecht zu werden. In dieser Anforderungssituation kommen die Vorzüge und neuen Möglichkeiten von digitalen Medien zur Geltung, die einen Begegnungsraum jenseits persönlicher Präsenz eröffnen und die Leerstelle, wenn ein persönliches Treffen nicht mehr möglich ist, konstruktiv zu füllen vermögen.

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Veröffentlicht: 2020-02-01

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